Der Wolf und die Vhyverne


Es begab sich zu einer Zeit, da an den Menschen längst nicht zu denken war und das junge Weltenrund belebt wurde von den mannigfaltigen Erscheinungsbildern der Frühvölker unserer Heimat, als ein junger Zwerg in die Gefilde östlich des heutigen Ter-Velde vordrang. Er gab einen gierigen Burschen ab, raffsüchtiger noch wie die meisten seines Schlages, und so blieb es nicht weiter verwunderlich, dass allein Gold ihn rief.

 

Geborgen in den tiefen, felsdurchsetzten Erdschichten unter einem weitläufigen, in jenen Tagen namenlosen Wald ruhte das edle Gut friedlich in Gestalt üppiger Adern, nicht ahnend, was alsbald über ihm entbrennen würde.

 

Dem Zwerg stach der süße Geruch des Goldes schon seit Tagen in die Nase, als er den Wald endlich erreichte. Frohlockend fiel er auf die Knie, grub die knotigen Finger in den saftigen Boden unter sich, tauchte den krausen Bart tief in duftendes Laub. Dort lag er vor ihm: Immenser Reichtum, der nur darauf wartete, von ihm aus dem Dunkel der Erde gehoben und aufopferungsvoll umsorgt zu werden.

 

Schon bald begab der Zwerg sich an die Arbeit. Doch kaum, dass er den ersten Spatenstich getan hatte, rollte ein finsteres Knurren durch das Zwielicht zwischen den Bäumen. Leuchtend grüne Augen glommen bei den Stämmen auf, und geifernd, gar schäumend vor Wut zeigte er sich ihm, der gewaltige weiße Wolf des Westens, Schutzpatron seines Waldes, und noch ehe der Zwerg sich versah, ward er von dem Untier fortgejagt.

 

In den folgenden Tagen mühte der Goldtrunkene sich damit ab, den Wolf unschädlich zu machen. Er legte sich mit einem Bogen auf die Lauer, warf giftgespicktes Fleisch in die Schatten unter den Baumkronen, legte Fallen aus, eine heimtückischer als die andere. Aber ganz gleich, mit welcher List er es versuchte, keine von ihnen erlangte eine Wirkung. Das Gift im Fleisch fügte dem Tier keinen Schaden zu. Ihm auf den Pelz gehetzte Pfeile prallten von ihm ab wie von einer steinernen Wand. Die Fallen durchschritt er, als hätte es sie nie gegeben.

 

Wut erfasste den Zwerg, und der Wunsch, sich das Gold in die Taschen zu schaufeln, wurde unerträglich. So setzte er sämtliche seiner Hoffnungen auf eine letzte Tücke: Er fertigte einen besonderen Köder, um eine Vhyverne in den Wald zu locken.

 

Lange warten musste er nicht, denn kaum, dass der Gestank des im Dickicht platzierten Berges faulenden Rindfleischs sich ausgebreitet hatte, da schallte bereits das schrille Kreischen des zweibeinigen Drachenwesens über die Baumkronen hinweg. Riesige, mit lederner Haut versehene Schwingen scheuchten wilden Wind zwischen die Stämme. Blutrote Schuppen rasselten, hungriges Zähneklappern fuhr dem in sicherer Ferne lauernden Zwerg durch Mark und Bein.

 

Unter spitzem Geschrei brach die Vhyverne durch das Blätterdach, tauchte ein in das diffuse Grau des Waldes, stürzte sich auf das modernde Aas. Der Wolf hingegen machte dem Biest einen Strich durch die Rechnung. Sein grimmiges Geheul donnerte an des Zwerges Ohren, das Hämmern seiner riesigen Pfoten ließ den Erdboden erzittern, und binnen weniger Sekunden erfüllte den Wald die finstere Sinfonie erbitterten Kampfes. Wolf und Vhyverne gingen nicht zimperlich miteinander um, und zu des Zwerges stiller Freude klärten sie ihre Angelegenheiten schnell, indem sie sich gegenseitig die Kehlen aus den Hälsen rissen und dicht beieinander ihren letzten Atemzug taten.

 

Der Zwerg verfiel in Hochstimmung. Nun stand niemand mehr zwischen ihm und seinem Gold, sodass er sich noch am selben Tage ans Werk machte. Woche um Woche durchpflügte er - wenngleich vergebens - die Erde, während die sterblichen Überreste von Wolf und Vhyverne allmählich vergingen.

 

Geplagt von seiner ungestillten Sucht nach dem Edelmetall bemerkte der Zwerg nicht, wie die Stämme der Bäume um ihn herum immer weißer und weißer und ihre Blätter mitsamt dem durch den Wald fließenden Fluss immer roter und roter wurden. Für ihn zählte einzig das Gold, das sich von ihm nicht finden lassen wollte. Über seine Arbeit vergaß er sogar, dass er Schlaf und Proviant benötigte, und so kam es, dass er eines Tages erschöpft zwischen einem niedrigen Baum und einem blutfarbenen Flussarm zusammensank.

 

Mit einem Mal übertrafen Hunger und Durst selbst die nagende Gier, und der Zwerg nahm, was die Natur ihm gab, um seine Qualen zu lindern. Mit vollen Händen aß er von den Blättern des Baumes, trank in großen Schlucken aus dem Fluss. Erst da wurde ihm der Fluch gewahr, den der Kampf zwischen Wolf und Vhyverne über den Wald gelegt hatte: Der Verzehr der Blätter ließ seinen Hunger ins Unermessliche wachsen, ohne dass er je gestillt werden konnte. Das Trinken aus dem Fluss ließ ihn der Raserei verfallen, die sich gegen alles und jeden richtete, das sich in seine Nähe wagte.

 

Wenig später wurden die ersten Berichte von grausamen, aus dem Wald dringenden Schreien laut, und ebenso von arglosen Wanderern, die spurlos verschwanden, sobald sie einen Fuß in das Dickicht setzten. Man ging sogar so weit zu glauben, ein unbekanntes, mordlüsternes Monstrum hätte den weißen Wolf getötet und sich dessen Revier für finstere Zwecke zu Eigen gemacht.

 

Erst eine Truppe erfahrener Jäger setzte dem Spuk schließlich ein Ende. Gemeinsam rückten sie schwer bewaffnet und mit stabilen Netzen ausgestattet in das Zwielicht unter den Blättern vor, um dem vermeintlichen Ungeheuer den Garaus zu machen. Was sie aber fanden, war der Zwerg. Mit altem Blut verschmiert, hager und gehüllt in Lumpen stürzte er sich auf die Männer, willens, sie samt und sonders bei lebendigem Leibe zu verschlingen. Die Jäger stellten sich ihm mutig entgegen, rangen den durch übernatürliche Kraft Getriebenen nieder. Mitleid ergriff von ihnen Besitz, als sie den fest in die Netze gewickelten kleinen Mann betrachteten, weshalb sie beschlossen, ihn in ihr Dorf zu bringen und nach einem Heilmittel suchen zu lassen. Auf dem Weg dorthin spuckte und sprach der Zwerg im Delirium und erzählte ihnen seine ganze Geschichte, ehe ihn nahe beim Ziel ein plötzlicher Tod ereilte.

 

Seither regiert der Fluch der Gier das Wald- und Flussgebiet östlich von Ter-Velde, das man zur Warnung unbedarfter Wanderer und zum Gedenken des weißen Wolfes Blayth und der roten Vhyverne auf ihrer beider Namen taufte.

 

 

Glenda Phearson

Die Mythen von Rokhanos