Der letzte Sonnenfunke: Enttarnt

 

Seit dem zweiunddreißig Jahre zurückliegenden Sonnenfall befindet sich das Weltenrund im frostigen Griff der Ewigen Nacht. Gierige Schattenwesen namens Scáth streifen durch die Finsternis und machen Jagd auf ihre Leibspeise Mensch. Die Geschwister Leben und Tod sind verschollen. An die Stelle des Licht und Wärme spendenden Himmelskörpers sind die nach dessen Bersten auf die vier Kontinente niedergegangenen Sonnenscherben getreten. Alchemisten und Nachtzauberer haben sich der Aufgabe der verschwundenen Geschwister angenommen, neugeborene Kinder zu beseelen und sich um die Geistnebel der Verstorbenen zu kümmern, während tapfere, Fiagi jer Scáth genannte Kämpfer ihre Mitbürger vor den Schatten beschützen. Kaum jemand glaubt noch daran, die Sonne könne jemals wieder geheilt werden. Doch eine Handvoll Menschen hält eisern an der Hoffnung fest, dass ihre Rückkehr möglich ist.

 

Eines Tages kreuzt der in Rokhanos lebende Fiagi Tighan O’Brannick die Wege jener Hoffenden, woraufhin er in ihre Rettungsmission hineingezogen und von einer dunklen Ära seiner Vergangenheit eingeholt wird.

 

Erschienen: September 2017

Seiten: 432

ISBN Taschenbuch: 978-3-7407-3272-1

ISBN Ebook: 978-3-7407-3255-4


*Leseprobe*


»Ist dir eigentlich klar, was für ein verdammtes Glück du hast?«

Tighan O’Brannick schüttelte den Kopf. Eine Strähne schwarzbraunen, leicht gewellten Haares löste sich aus seinem im Nacken zusammengebundenen Zopf und fiel ihm ins Gesicht. Er schnaubte ungehalten, als sie in seinem ordentlich gestutzten, dunklen Vollbart hängen blieb und ihn an der Wange zu kitzeln begann. Tighan hasste sein langes Haar, und er hasste diesen elenden Bart. Es war ihm einerlei, wenn andere sich mit so was herumschlugen. Sollten sie doch durch die Gegend laufen, wie sie wollten, damit hatte er nun wirklich kein Problem. Womit er allerdings eines hatte - ein gewaltiges, wenn er genau sein wollte -, dann war das er selbst. Er verabscheute sein derzeitiges Äußeres. Zutiefst und ehrlich. Es war nötig, ja. Aber das hieß noch lange nicht, dass es ihm auch gefallen musste.

Begleitet von einem missmutigen Brummen strich er die aufdringliche Haarsträhne hinters Ohr und rückte das offen auf seinem Schoß liegende Tagebuch zurecht. Mit dem Ende des in seiner Hand ruhenden Stiftes tippte er einige Male auf das Papier, dann zuckte er mit den Schultern und widmete sich wieder seiner angefangenen Zeichnung. Sanftes Kratzen und Schaben durchdrang die staubige Luft, wobei ein Lächeln über sein Gesicht huschte. Abgesehen vom Zeichnen selbst gehörte dieser Stift zu den wenigen Dingen, die er liebte, weshalb er ihn wie seinen Augapfel behütete. Das gute Stück bestand aus gepresstem Graphit, und bereits ein einzelner davon war unsagbar teuer. O’Brannick besaß insgesamt sechs. Sie stellten Mitbringsel von einer langen Reise dar, welche zum Zeitpunkt ihres Antritts ebenso wenig sein Wunsch gewesen war wie die seinen Kopf verunstaltende Haarpracht.

Seinerzeit hatte ein reichlich betagter Alchemist ihm die Graphitstifte gegeben, nachdem Tighan den guten Mann auf einem Marktplatz mit Tusche und Feder in einem Portrait verewigte, um seine gähnend leere Geldkatze aufzufüllen. Mit den Worten ›Ein außerordentlicher Dienst bedarf außerordentlicher Gegenleistung‹ hatte der Alte ihm nach getaner Arbeit ein Stoffbündel in die Hand gedrückt und war verschwunden. O’Brannick fand nicht einmal genügend Zeit, sich zu bedanken, sein Lohn vermochte die damit einhergegangene Verwirrung jedoch um Längen wieder wett zu machen - obwohl er im ersten Moment bare Münze wesentlich lieber gesehen hätte. Allerdings machten sich die damals noch zehn Graphitstifte rasch bezahlt. Nie zuvor war ihm ein Zeichengerät in die Finger geraten, mit dem er sauber und gleichzeitig überraschend schnell arbeiten konnte, sodass er am Ende jenes bereits viele Jahre zurückliegenden Tages mit einem prall gefüllten Geldsäckchen nach Hause gegangen war.

»Lass mich raten«, fuhr er fort. »Du hast nicht die geringste Ahnung, was ich meine. Richtig?«

Erwartungsvoll schaute Tighan auf, und ein wissendes Funkeln machte sich in seinen stahlgrauen Augen breit, als er die über dem Fußende seines Bettes sitzende Spinne betrachtete. Sie war etwa so groß wie seine Hand. Ein roter, ebenso dichter wie weicher Flaum bedeckte den voluminösen Hinterleib des Tieres. Dessen lange, kräftige Beine trugen eine identisch gefärbte, locker auf tiefschwarzem Grund verteilte Behaarung, während sich der abgeflachte, runde Vorderkörper nackt und schwarz präsentierte. Mit ihren acht hinter den zwei imposanten Beißklauen sitzenden Augen erwiderte die sogenannte Rote Weberin Tighans Blick und drehte sich ein wenig nach rechts.

›Nein.‹

»Wusste ich’s doch«, schmunzelte er. »Alles andere hätte mich auch schwer gewundert.«

Die Spinne hob ihre beiden vordersten Beine ein wenig an und wackelte mit deren Spitzen sachte auf und ab. Dadurch schien der Lichtstrahl, welcher durch das schräg hinter O’Brannick befindliche, halb verhangene Fenster auf ihren Körper fiel, sämtliche der darauf wuchernden Härchen in einen glitzernden Schauer dunkelroten Blutnebels zu verwandeln.

Ein faszinierender Anblick, der Zeit ihres Daseins zweifelsohne zahlreichen Insekten zum Verhängnis geworden war.

Entgegen ihrem Namen spann die Rote Weberin keine Netze, in denen sie auf ihre Beute lauerte, sondern ging auf die Jagd. Das sich bei Bewegung auf ihrem Pelz brechende Licht wirkte auf vielerlei Getier verlockend genug, dass selbiges unvorsichtig wurde, sich in ihre Nähe wagte, tja, und dann Lebewohl Gevatter. Doch trotz ihrer Fressgier waren Rote Weberinnen ziemlich feige. Sobald sich ihnen etwas näherte, das größer war als sie selbst, ergriffen sie für gewöhnlich die Flucht. Es sei denn, man genoss das Privileg einer besonders intensiven Verbundenheit zu den Sphären der Tierwelt.

Tighan verfügte über diese Gabe. Seit er das Licht der Welt erblickt hatte, war sie - neben einigen noch weitaus eindrucksvolleren Fähigkeiten - ein fester Bestandteil seiner selbst. In den zurückliegenden drei Jahrzehnten hatten andere wie er eben jener Talente wegen den höchsten Preis bezahlen müssen, den ein Mensch je zu erbringen vermochte. O’Brannicks Rechnung hingegen stand noch offen, und er setzte alles daran, es dabei zu belassen. Denn mal im Ernst, wer gab schon gern sein Leben her?

»Ich könnte es dir erklären, wenn du willst«, schlug er vor. »Hat was mit Seelen zu tun. Wie ihr Tiere eure bekommt, und wie das Ganze mittlerweile bei uns Menschen abläuft.«

Prompt zuckte die Spinne noch ein Stück nach rechts.

›Nein danke. Kein Bedarf.‹

In der Tat wusste Tighan ihre Reaktionen durchaus richtig zu deuten.

»Du scheinst nicht gerade von der redseligen Sorte zu sein, was?«

Ihre Antwort bestand aus einer leichten Linksdrehung.

›Gut erkannt, vollkommen ungesprächig.‹

Da O’Brannick nun wusste, dass er es mit einem die Stille liebenden Exemplar zu tun hatte, beschloss er, ihm zuliebe den Mund zu halten und sich ganz auf seine Zeichnung zu konzentrieren. Inzwischen zierten vier Beine sowie der halbe Oberkörper der Roten Weberin das Blatt. Somit hegte er die berechtigte Hoffnung, sein Bild fertigzustellen, bevor das Tier die Lust verlor oder ein vorüberkrabbelnder Käfer alles verdarb. Abgesehen davon war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Ira O’Mally, sein alter Freund und Zimmergenosse, der in ihrer Unterkunft vorherrschenden Ruhe ein jähes Ende bereiten würde. Immerhin lag der Weckruf für die Tagesschicht bereits über eine halbe Stunde zurück, und Ira - als Vorsteher ihrer Jägerloge stets darauf bedacht, bei der morgendlichen Aufgabenverteilung unter den ersten Anwesenden zu sein - hatte wie üblich die Bettwärme lange vor dem Eintreffen des Weckburschen aufgegeben, um sich direkt nach dessen Verschwinden auf den Weg zu machen.

Während er zeichnete, blendete Tighan die Welt um sich herum zunehmend aus. Zuerst verblasste das Zimmer einschließlich der spärlichen, aus einer zweiten Schlafstatt, einem einfachen Tisch mit zwei Stühlen sowie zwei schmalen Kleiderschränken bestehenden Einrichtung. Danach stahlen sich die auf dieser Etage befindlichen Flure und Räume aus seiner Wahrnehmung, die sich hinter der dem Fenster gegenüberliegenden Tür erstreckten. Ihnen folgte das gesamte mehrgeschossige Haus sowie der Rest des vier weitere Häuser gleicher Bauart zählenden Komplexes, der den Fiagi jer Scáth von Mar-Dinye zur Verfügung stand. Jener Gemeinschaft, welche die Bürger des Landes Rokhanos vor den Übergriffen fleischgewordener Schatten beschützte und der Tighan seit nunmehr acht Jahren angehörte.

Am Ende vergaß er sogar das. Schob beiseite, warum er sein Gesicht hinter einem Übermaß an Haaren versteckte. Verdrängte den Grund, weshalb er seit einer gefühlten Ewigkeit ständig diese verdammten fingerlosen Lederhandschuhe trug und (mit Ausnahme von Ira) gegenüber jedem Menschen den Namen Gusvig Jones für sich verwendete. Er dachte nicht mehr daran, dass er vierundsiebzig Lenze zählte, aussah, als wäre er nicht älter denn Ende dreißig, und dass er noch immer die körperliche und geistige Verfassung eines etwa zwanzigjährigen Burschen aufwies.

All das trieb weit von ihm fort, und für eine Weile, da gab es nur noch die Rote Weberin, sein Tagebuch, den Graphitstift und ihn.

Als O’Brannick sein Bild mit den letzten Feinheiten versehen hatte und den Stift beiseitelegte, wäre es problemlos möglich gewesen, ihm weiszumachen, dass in der Zwischenzeit ganze Tage vergangen waren, dermaßen hatte seine Arbeit ihn in ihren Bann gezogen. Erstens jedoch wusste er aus Erfahrung, dass er für eine Zeichnung wie die gerade angefertigte - selbst wenn er trödelte - höchstens eine Viertelstunde brauchte. Zweitens kehrte sein Geist bereits (viel zu schnell) wieder in die Gegenwart zurück, und drittens polterte just in diesem Augenblick Ira O’Mally ins Zimmer. Er war sechsunddreißig Jahre jünger, einen knappen Kopf kleiner sowie von etwas muskulöserer Statur als der drahtig gebaute Tighan. Unter seinem knapp kinnlangen, stets zerzausten, rotbraunen Haarschopf blitzten wachsame, hellgrüne Augen hervor, und auf seiner linken Halsseite erstreckte sich eine doppelt fingerlange, alte Narbe - sie war ein Andenken an Iras erste Begegnung mit einem Scáth. In der Hand hielt er ein notdürftig wieder zusammengerolltes Pergament, mit dem er Tighan grinsend zuwinkte. Dabei brach ein Stück des am unteren rechten Rand des Papiers angebrachten Wachssiegels ab und fiel zu Boden.

Es war blau.

Nicht etwa gelb für Wachdienst auf den Feldern. Oder rot für die Eskorte von Boten oder wem auch immer sonst in eine der anderen Königsstädte. Auch nicht grün für Patrouillengänge in einem der drei umliegenden Dörfer oder weiß für sonstige anfallende Arbeiten.

Nein, dieses Siegel war blau.

Das bedeutete, O’Mally hatte einen Auftrag für die Jagd auf einen speziellen Scáth mitgebracht.

»Tigs, bald platzen unsere Geldkatzen aus allen Nähten«, verkündete er feierlich, nur um beim nächsten Atemzug im wahrsten Sinne des Wortes zu erstarren, den Blick auf die Tighans Bett gegenüberliegende Wand geheftet. »Bei Gevatter Tods Pisspott!«

»Ich wage zu bezweifeln, dass er so was jemals gebraucht hat«, gab O’Brannick lachend zurück, aber sein Einwand wurde geflissentlich ignoriert.

»Wehe du sagst mir jetzt, dass du das Spinnenvieh da noch nicht gesehen hast!«, rief Ira aus, wobei er einen Schritt zurückwich und die freie Hand fest genug um den Türknauf klammerte, dass dieser bei der kleinsten falschen Bewegung abzubrechen drohte. »Das Ding ist so groß wie ein Teller, verflucht!«

»Ein kleiner Teller.«

»Also hast du sie gesehen!«

»Aye, hab ich.« Verschmitzt lächelnd hielt Tighan sein Tagebuch in die Höhe und präsentierte die aufgeschlagene, eine äußerst detailgenaue Abbildung zeigende Seite. »Ich hab sie sogar gezeichnet.«

»Mach das beschissene Buch zu, sonst muss ich kotzen«, stöhnte Ira, während er noch blasser um die Nase wurde als es ohnehin schon der Fall war. »Acht daumendicke Beine«, jammerte er. »Und so riesig wie der Deckel von ‘nem Weinfass. Mann, Tigs, du weißt ganz genau, wie sehr ich diese ekelhaften Biester hasse.«

»Mhm«, grinste O’Brannick, betrachtete die reglos auf ihrem Platz hockende Rote Weberin und hob verwundert eine Augenbraue.

Normalerweise wäre sie spätestens in dem Moment verschwunden, in welchem Ira die Tür aufgerissen hatte. Aber passiert war nichts dergleichen, sodass Tighan nicht anders konnte, als der Sache auf den Grund zu gehen. Er rutschte ans Ende seines Bettes und streckte die Hand aus.

»Er fasst es an«, murmelte O’Mally entgeistert. »Bei allem, was ein Mann in die Finger bekommen kann, fasst er ausgerechnet eine Spinne an. Warum geb ich mich eigentlich immer nur mit Verrückten ab?«

»Weil es außer denen keiner länger als einen halben Tag in deiner Nähe aushält?«, schlug O’Brannick vor.

Derweil berührte er mit den Fingerspitzen vorsichtig den glatten Vorderkörper der Roten Weberin, woraufhin das Tier wie ein Stein herunterfiel und begleitet von einem dumpfen Geräusch auf dem hölzernen Fußboden aufschlug.

Ein flüchtiger Seitenblick in Iras Richtung zeigte, dass dieser einen Satz rückwärts gemacht hatte und nun auf dem Flur stand. Tighan verkniff sich eine passende Bemerkung, obwohl ihm gleich mehrere eingefallen wären. Stattdessen begnügte er sich mit einem belustigten Schmunzeln, sprang vom Bett und holte die darunterliegende Spinne hervor.

»Tja«, sagte er, wobei er sie interessiert von allen Seiten beäugte. »Die ist ziemlich tot, würde ich meinen.«

»Wenn du mich verscheißerst, erschlag ich dich mit deinen dämlichen Stiften«, brummte O’Mally aus sicherer Entfernung.

»Da steht ein Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken einen Scáth nach dem nächsten erledigt. Aber im Angesicht einer toten Spinne kneift er die Hinterbacken zu«, lachte Tighan. Dann setzte er eine versöhnliche Miene auf. »Die rührt sich nicht mehr, Ira. Ehrlich.«

»Der Sonne Gnade sei Dank«, schnaufte dieser und deutete auf das Fenster. »Wirf sie raus.«

»Ich finde, heutzutage sollte man nichts verkommen lassen.«

»Was bitte?«

»Flint«, erklärte O’Brannick. »Der freut sich doch immer über einen fetten Leckerbissen. Ähm ... Wo steckt er überhaupt?«

»Wo soll der um die Zeit schon sein?«

»Unten in der Küche?«

Ira nickte bestätigend, woraufhin er abermals das Pergament schwenkte. »Was hältst du davon, wenn wir uns ebenfalls ein ordentliches Frühstück genehmigen, während wir den Auftrag besprechen?«

Dem Vorschlag konnte Tighan eine Menge abgewinnen. Daher machten sich die beiden Freunde auf den Weg, sobald er das Tagebuch versteckt sowie die sterblichen Überreste der Roten Weberin fest in ein Tuch gewickelt und in seiner Hosentasche deponiert hatte.