Der letzte Sonnenfunke: Entflohen

 

Kaum ist er auf der Suche nach Gwylain einen guten Schritt weiter, da steckt Tighan O’Brannick auch schon mächtig in der Klemme. Aufgespürt von Neal Morton, dem erklärten Erzfeind des Lichtzauberers, heißt es für O’Brannick und seine Mitstreiter nun, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Keine leichte Aufgabe, wenn einem der größte Zaubererzirkel des Landes an den Fersen klebt. Doch dann hat Tighans alter Freund Ira O’Mally einen riskanten Plan.

 

Erschienen: Juni 2018

Seiten: 408

ISBN Taschenbuch: 978-3-7407-4722-0

ISBN Ebook: 978-3-7407-4745-9


*Leseprobe*


Der Klang der drei kurzen, harten Schläge zum Dreiviertel der sechsten Stunde kam dem Hammerschlag eines urteilenden Richters gleich. Wieder hatte sie eine dieser Nächte hinter sich. Durchwachte Stunden, im Verlauf derer – wie so oft in den seit ihrem Unfall vergangenen Wochen – zwei Seelen um die Vorherrschaft über ihren Körper rangen, einzig eingedämmt durch den vom just ertönten Glockenklang angekündigten morgendlichen Wachwechsel und dem damit einhergehenden Beginn eines neuen Tages.

 

Wenn es still war im Sanatorium, wenn die Patienten schliefen, die meisten der Doktoren daheim bei ihren Lieben weilten und das für die Nachtschicht zuständige Wachpersonal ein Auge darauf hatte, dass niemand Unbefugtes in das Gebäude hinein oder gar heraus kam, dann war es am Schlimmsten. Dann schrie die Stimme der Anderen am Lautesten. Es gab Momente, da konnte sie sich ihr nicht länger erwehren, musste die Andere durchbrechen lassen, um nicht vollends den Verstand zu verlieren. Schon diese kontrollierten Wechsel, jene, die sie zum Wohle ihres eigenen Geisteszustands erlaubte, erwiesen sich als außerordentlich unangenehm, fühlte sie sich dabei doch stets wie eine achtlos in die Ecke geworfene Marionette. Wie ein ungebetener Besucher in einem fremden Leben, welches in Wahrheit ihr eigenes darstellte. Ihre Existenz, die eigentlich nur sie selbst lenken dürfte, die aber von einer unerwünschten Kraft korrumpiert worden war.

 

Als ob es nicht längst reichte, dass die Andere ihr erfolgreich den Mund verbot.

 

Doch es gab auch Dinge, deren Aussprache sie billigte, sogar ausdrücklich danach verlangte, und an deren zum Besten gegebenen Worten sie sich ergötzte. Der Triumph über das Leben zum Beispiel. Der Bericht, wie sie und ihre Gleichgesinnten es über Jahre hinweg zermürbt hatten, bis es den Tod verfluchte und sie ihm vorübergehend seine Macht stehlen konnten, um die Sonne zu zerstören, und wie das Leben selbst am Ende nur mehr zum Gefangenen wurde. Sie wusste, wo es versteckt gehalten wurde, kannte den richtigen Pfad, sah das mit einem Sonnenfunken versiegelte Tor förmlich vor sich. Dass nur ein Dharoi’Sola es zu öffnen vermochte, das war ihr noch über die Lippen gekommen. Den Rest hingegen, den Ort, den Weg dorthin, all dies brachte sie bis heute nicht heraus. Egal, wie sehr sie es auch versuchte, die Andere blieb stärker.

 

Und die unkontrollierten Wechsel? Diejenigen, die sie erst bemerkte, wenn es vorbei war? Sie formten die wahre Grausamkeit, denn sie gaben ihr das Gefühl, ein willenloses Stück Fleisch zu sein, mit dem jeder nach seinem eigenen Gutdünken verfahren konnte. Eine Vorstellung, die für sie schrecklicher war als der Tod.

 

Wie auch die von ihr gestatteten Wechsel hinterließen die unkontrollierten keine Erinnerungen daran, was sie gesagt oder getan hatte; bloß das Wissen, dass der Wandel stattfand. Die Andere vermied es mit Freuden, ihr auch nur das kleinste Sterbenswörtchen über ihre Taten zu offenbaren, und so lange niemand dem plötzlichen Tausch rein zufällig beigewohnt hatte und ihr davon berichtete, tappte sie im Hinblick auf die damit verbundenen Vorfälle im Dunkeln. Zurück blieben hiervon nur vage Spuren. Kleine, im Schutze der sie umgebenden vier Wände verborgene Zeichen, teils unvermeidbare Überbleibsel gescheiterter Fluchtversuche, teils absichtlich gestreut, um sie ein bisschen näher an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Wahrscheinlich formte Letzteres der Anderen Vorstellung von Strafe. Ihre Genugtuung für die Tatsache, dass sie nichts weiter abgab, als einen unerwünschten Gast in einem Leib, der sie nicht haben wollte.

 

Ada Wiklow gab ein trauriges Schnaufen von sich, zog den aus dunkelrot eingefärbter Wolle gestrickten, ihre schlichten dunklen Kleider größtenteils verbergenden Mantel etwas enger um die Schultern und trat an das kleine vergitterte Fenster, durch dessen verdreckte Scheibe das ewige Glühen des Vae-Khest erhellenden Sonnenglases drang. Gedankenverloren spielte sie mit dem Ende des langen, zu einem Zopf geflochtenen dunkelblonden Haares, betrachtete aus haselnussbraunen Augen den sich fünf Stockwerke unter ihr erstreckenden, mit allerhand bunten Gewächsen verzierten Innenhof des kastenförmig angelegten Sanatoriums.

 

Nicht mehr lange, dann würden die ersten Patienten durch den kleinen Garten stromern, Unkraut jäten, die Pflanzen pflegen oder schlicht ihren Anblick oder ihren Duft genießen. Sie würden frische Luft atmen, die Blicke gen Himmel wenden und das über dem die Stadt umspannenden Leuchten thronende Sternenzelt betrachten können.

 

Ada hingegen blieb in ihrem Zimmer. Allein mit ihren Kerzen, ihrem schmalen Bett, der alles Nötige beherbergenden Badenische, einem großen, weich gepolsterten Sitzmöbel, dem schon etwas wackeligen niedrigen Tisch und den zahllosen Büchern, die ihr das triste Dasein erträglicher machten. Gefangen in der Ruhe dieses Raumes würde sie darauf harren, dass man ihr die täglichen Mahlzeiten brachte, und die Wochenmitte herbeisehen, zu der sie ihre einzigen echten Besucher empfangen durfte.

 

Zumeist handelte es sich dabei um den guten Patrick Fitzwalther, der stets mit einem Stapel neuer Bücher unter dem Arm erschien. Manchmal kamen auch Ulissa Clarance oder Siobhán Daneery, brachten ihr Leckereien, frische Kleider, neue, mit den wunderbarsten Düften versehene Kerzen, deren warmer Schimmer Adas aufgewühlten Geist streichelte.

 

Allen dreien gemein war, dass sie mit ihr redeten. Niemand sonst hier tat das. Nur sie. Sie redeten mit ihr, aber auch mit der Anderen. Mit Berynn Karlyde. An manchen Tagen wusste Ada davon, ließ den Wechsel freiwillig zu, bei anderen Gelegenheiten musste man es ihr berichten, wenn das Gespräch vorüber war.

 

Ihr Dasein versteckt – gefangen – im Südtrakt des Sanatoriums fristen zu müssen, stellte inzwischen ihr Leben dar. Oftmals haderte Ada mit dem ihr aufgebürdeten Schicksal, besonders nach Nächten wie der vergangenen, in der ihre und die Seele der Anderen miteinander gestritten hatten wie fresswütige Scáth um ihre Beute.

 

Wären die Gitter vor ihrem Fenster, die ihr zur eigenen und zur Sicherheit der übrigen in ihrer Umgebung befindlichen Menschen angelegten magischen Ketten sowie die spezielle, durch hochwirksame Zauber geschaffene Versiegelung des Zimmers nicht gewesen, hätte sie nach derartigen Nächten schon das eine ums andere Mal versucht, sich in den Tod zu stürzen. Wohl wissend, dass sie damit das Voranschreiten der vom Zirkel der weißen Katze geschmiedeten Pläne kurzerhand zunichtemachen würde.

 

Doch dann erinnerte sie sich an die Lichtblicke. Die Besuche ihrer Freunde vom Zirkel, die ernstgemeinten netten Worte, die Geschenke. Das Leuchten der Zuversicht in ihren Augen. Die Tatsache, dass noch immer ein lebender Sonnenfunke auf dem Weltenrund weilte und Reamonn Leighs ihn hatte finden können.

 

All das zusammen ließ Ada ihr bitteres Los trotz der sie plagenden Qualen zumeist als das kleinere Übel erscheinen. Sie bildete den Teil einer letzten Hoffnung, und der Preis, den sie dafür zahlen musste, war gering im Vergleich zur Befreiung des Lebens und einer möglichen Rettung der Sonne. Der Gedanke, das glühende Rund eines Tages wieder am Himmel zu sehen, vermochte – wenigstens zeitweilig – sogar ihren drängendsten Todeswunsch in seine Schranken zu weisen, spornte sie an, weiterzukämpfen, stark zu bleiben.

 

Es war gewiss kein Leichtes, wurde begleitet von einem stetigen Auf und Ab, aber tief in ihrem Herzen wusste Ada, dass es nicht weniger als ihre Pflicht war, durchzuhalten. Denn wenn sie schon leiden musste, dann wenigstens nicht sinnlos.

 

Ein unvermittelt auf dem Flur ertönender Schrei entlockte der Nachtzauberin ein dünnes Seufzen. Derartige Geräusche waren in diesem Haus an der Tagesordnung. Viele der hier lebenden Menschen schrien ohne ersichtlichen Grund. Manche schlugen unvermittelt um sich oder redeten wirr. Im Hof hatte sie schon häufig Patienten gesehen, die nichts weiter taten als mit fest um den Körper geschlungenen Armen auf einer Bank zu sitzen und sich selbst hin und her zu wiegen. Wieder andere wurden von Weinkrämpfen geschüttelt oder kreischten vor lauter Zorn oder Furcht drauflos, wegen Dingen, die einzig ihre Augen wahrnehmen konnten; weil sie nicht real waren, sondern alte – fremde – Erinnerungen ihr Innerstes vergiftet hatten.

 

Der Großteil besagter Menschen war in den ersten Jahren nach dem Sonnenfall geboren worden. Da gemeinsam mit den in Gestalt goldroten Regens niedergegangenen Sonnenscherben Leben und Tod verschwunden waren, hatten Dharoi’Chairas und Alchemisten sich schon früh zusammengetan, in der Absicht, beider Wesen Arbeit zu übernehmen und die zurückgebliebenen Seelen Verstorbener in die Körper neugeborener Kinder einzupflanzen. Alsbald stellte sich heraus, dass die bis dahin in den Kreisen der Nachtzauberer strikt untersagte Nekromantie das angestrebte Unterfangen erst durchführbar machte, weshalb das Verbot zum Zwecke der Erhaltung der Menschheit schließlich aufgehoben worden war. Allerdings hatten weder Alchemisten noch Dharoi’Chairas die verheerende Wirkung verlebter Seelen auf einen gerade erst im Erwachen befindlichen Geist bedacht. So verfielen die ersten der von Menschenhand beseelten Kinder über kurz oder lang einem unheilbaren Wahnsinn, entfacht durch weit zurückliegende, auf ihren unbedarften Leib einprasselnde Erinnerungen, mit denen sie nicht zurechtkamen – und es niemals würden, wie sich später zeigen sollte.

 

Hier waren sie nun alle versammelt, im Sanatorium von Vae-Khest, bildeten die bedauernswerten, auf ewig Leidtragenden unumgänglicher Experimente, und genau wie Ada, so litten auch sie; bloß auf andere Art und Weise. Zugleich aber erwiesen sich die dargebrachten Opfer der ersten auf den Sonnenfall gefolgten Kinder als von unschätzbarem Wert, bot doch ihrer aller Schicksal den Grund dafür, dass man das Verfahren der Seelenreinigung entwickelt hatte.

 

Anfangs noch durch die Dharoi’Chairas mittels Nekromantie ausgeführt, waren die von alten Erinnerungen gesäuberten Seelen zwar nicht perfekt, jedoch durchaus brauchbar. Seit hingegen zur Mitte des Jahres 5 DZ aufgrund höchst aufschlussreicher Forschungen den Alchemisten das Reinigen der Geistnebel zugefallen war, präsentierten sich die Ergebnisse als nahezu vollkommen, sodass nekromantische Zauber fortan nur noch für die Verbindung von Seele und Körper nötig wurden. Zu verdanken war dies indes den Scáth der Kategorie Fünf, deren Innereien hilfreiche Säuren beherbergten, welche die Alchemisten sich für ihre Arbeit an den Geistnebeln zunutze gemacht hatten.

 

Eine Methodik, die von Entdeckung an unübertroffen blieb.

 

Während Ada in Gedanken an die jüngste Geschichte ihres Landes versunken aus dem Fenster starrte, wurden auf dem Flur neuerliche Schreie laut. Verwundert schaute sie zur Tür, und ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrer Magengrube breit. Mittlerweile kannte sie das unter dem Dach des Sanatoriums vorherrschende Gewimmer und Gekreische viel zu gut, als dass ihr die Andersartigkeit des jetzt Gehörten entgangen wäre.

 

»Was geht da vor sich?«, fragte sie in die Stille des Zimmers hinein.

 

Sie kommen mich holen.

 

Wie vom Donner gerührt zuckte Ada zusammen, als sie die frohlockende Stimme Berynns in ihrem Geist vernahm.

 

»Halt den Mund, du Miststück!«, fauchte sie, sich inständig wünschend, es würde etwas bringen, sich selbst zu ohrfeigen, und spürend, wie ein feines Kitzeln in ihrer Brust erwachte, entfesselt durch das Aufbegehren Karlydes.

 

Sie haben uns gefunden, Schlampe, zischte Berynn. Sie bringen mich nach Hause.

 

Jäh wurde das Kitzeln zu einem Beißen, und schartige Reißzähne schienen sich vom Inneren ihres Körpers nach außen fressen zu wollen. Ada wusste aus leidvoller Erfahrung, was das bedeutete: Berynn konnte keinen unkontrollierten Wandel herbeiführen und Ada ließ einen kontrollierten nicht zu, sodass Karlyde mit aller Macht versuchte, Wiklows Willen zu brechen.

 

Plötzlich begannen die Wände zu flimmern, und Ada spürte das sandige Prickeln des Wirkens kraftvoller Zauber auf der Haut. Sie sah Schlieren verdichteten Nachtäthers, die sich mühsam durch die Versiegelung zwangen, hörte ein schrilles Singen hinter ihrer Stirn, das sie erst langsam als das Überlegenheit widerspiegelnde Gelächter Berynns erkannte. Von außen hämmerte jemand gegen die Tür, bearbeitete das knirschende Holz zugleich mit Zauberei und roher Gewalt.

 

»Ich bin hier!«, hörte Ada sich mit einem Mal schreien. Wässriger Schwindel wallte unter ihrer Schädeldecke auf, ließ ihren Blick verschwimmen. In ihrer Brust verlagerte sich das Gleichgewicht, schwappte über zu der finsteren Seite, die sie nur mühevoll zu bändigen vermochte.

 

»Nein!«, rief sie voller Verzweiflung. »Nein! Du nicht! Du kommst nicht frei! Keine von uns! Nein!«

 

Ada kippte der Boden unter den Füßen weg. Die Welt stellte sich auf den Kopf, stülpte sich einem stinkenden, schmutzigen Sack gleich über sie. Die Nachtzauberin hörte noch das Bersten des Türrahmens, als die zu ihrem Zimmer führende Pforte aus den Angeln gerissen wurde, vernahm ein Lachen des Obsiegens, geschaffen durch ihre Stimme und doch so unendlich fremd.

 

»Master Morton? Wir haben sie«, drangen aus weiter Ferne die Worte eines Mannes zu ihr heran, der einen Moment lang einer für die Nachtzauberin unverständlichen Antwort lauschte, ehe er fortfuhr. »Danke Sir. Ich wünsche Euch gutes Gelingen.«

 

Draußen schlug die Glocke zur siebten Stunde. Bleierne Finsternis legte sich über Ada Wiklows Seele, deren letzter Gedanke dem vergitterten Fenster galt – und dem schlichten Sprung, den es sie gekostet hätte, das alles hier zu beenden, wären bloß das verdammte Metall und der aktive Nachtäther nicht im Weg gewesen.