Der letzte Sonnenfunke: Entfacht

 

Kaum ist er auf der Suche nach Gwylain einen guten Schritt weiter, da steckt Tighan O’Brannick auch schon mächtig in der Klemme. Aufgespürt von Neal Morton, dem erklärten Erzfeind des Lichtzauberers, heißt es für O’Brannick und seine Mitstreiter nun, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Keine leichte Aufgabe, wenn einem der größte Zaubererzirkel des Landes an den Fersen klebt. Doch dann hat Tighans alter Freund Ira O’Mally einen riskanten Plan.

 

Erschienen: Januar 2019

Seiten: 408

ISBN Taschenbuch: 978-3-7407-5269-9

ISBN Ebook: 978-3-7407-5271-2


*Leseprobe*


»In sämtlichen Städten haben wir den Torwachen und den örtlichen Soldatenpatrouillen je einen Vollstrecker beigeordnet. Zusätzlich sind auf allen Mauerabschnitten ein Kettenzauberer und ein Fallenspezialist postiert, hier und hier.«

Vernon O’Carth deutete auf einige mit gelben und grünen Wachskugeln versehene Nadeln. Sie steckten in einer auf weichem Holz befestigten mannshohen Landkarte von Rokhanos, die eine gesamte Wand des ihm innegehabten, stets penibel aufgeräumten Arbeitszimmers einnahm. Das gute Stück wies tausende winziger Löcher auf, die von anderen Nadeln herrührten, welche bereits zu früheren Einsatzplanungen auf dem riesigen, beeindruckend detailgenau ausgearbeiteten Pergament verteilt worden waren. Dann tippte er auf die Abbildung eines Mar-Ylder Trutzturms.

»In Mar-Yld mussten wir mangels Mauern auf die Türme ausweichen, aber dank der dort oben angebrachten Fernrohre und dem Stadtgraben bin ich zuversichtlich, dass ungebetene Gäste problemlos dingfest gemacht werden können. Außerdem haben allerorts Portalspezialisten ein Auge darauf, dass keine ungenehmigten Sprünge durchgeführt werden, sei es hinein oder hinaus, und die Torwachen sind angewiesen, Ein- und Auslassprotokolle anzufertigen. Die Städte sind demnach praktisch vollständig überwacht. Gleiches gilt in Kürze auch für die Rasthütten. Aktuell ist der Großteil unserer Gehilfen damit beschäftigt, dort Überwachungszauber tragende Spiegel anzubringen.«

Anerkennend schürzte Neal Morton die Lippen. »Sehr gut, Vernon. Meiner Ansicht nach sollten wir allerdings in Kjael die Zahl der Vollstrecker und der Ketten- und Fallenspezialisten verdreifachen.«

»Sir?« Fragend hob der Vorsteher der Unterwanderungsabteilung die Augenbrauen.

»O’Brannick wird versuchen, das Land zu verlassen«, erklärte der Erste Vorsitzende, trat vor und deutete auf das schmale Band der sich im Nordwesten erstreckenden Küste. Von dem Kartenmacher waren sogar die diversen Landungsstege für Fischerboote und Handelsschiffe abgebildet worden, was ihn jedes Mal aufs Neue beeindruckte. Vernon hatte seinerzeit ein wahrhaftiges Kunstwerk unter das Dach der Unterwanderungszentrale geholt. »Kjael hat den einzigen Hafen. Für diesen Hurensohn gibt es nur den einen Weg hier raus.«

»Mit Verlaub, Sir«, hob Vernon an, »gestattet mir die Frage, was Euch so sicher macht, dass er nicht zunächst in der Heimat untertaucht?«

»Den zieht es raus aufs Meer«, knurrte Morton. »Das hab ich im Urin. Pisse lügt nicht.«

Tatsächlich war es kein schnödes Gefühl, dass den Ersten Vorsitzenden des Zirkels der Gerechten zu dieser Annahme verleitete. Vielmehr war es das Wissen darum, dass der Dharoi’Sola über kurz oder lang in See stechen würde, um Gwylains Versteck zu erreichen. Immerhin hatte er Ada Wiklow bei sich, und Ulissa Clarances aufgezwungener Redseligkeit wegen war dem Nachtzauberer bestens bekannt, dass sie den miesen Hund dort hinführen konnte. Etwas, das er O’Carth jedoch nicht unter die Nase zu reiben gedachte.

»Ein unschlagbares Argument, Master Morton«, erwiderte dieser ohne die Miene zu verziehen. »Ich werde das sofort umsetzen lassen.«

»Hervorragend. Wie steht es mit den Fahndungspergamenten?«

»Sämtliche Bildplatten sind von ardyschen Zeichnern vervielfältigt und an die restlichen Städte übermittelt worden. Vor Ort finden derzeit weitere Vervielfältigungen statt. Die ersten Flugblätter werden voraussichtlich in den frühen Abendstunden verteilt, Sir.«

Der Erste Vorsitzende nickte zufrieden.

Diese Bilder – mittels Nachtzauberei gewonnen aus den Erinnerungen der Seele eines von O’Brannick und seinen Speichelleckern in Vae-Khest getöteten Vollstreckers – waren Gold wert. Sie zeigten das Gesicht jedes einzelnen der fünfköpfigen Bande in sämtlichen Details, sodass die Fahndungspergamente ihnen zusätzliche Steine in den Weg legen würden. Dies nicht zuletzt wegen der Belohnung, die Morton auf zur Ergreifung führende Hinweise ausgesetzt hatte. Zwar warf er für gewöhnlich nur widerwillig mengenweise Rogen unter das gemeine Volk, in dieser Hinsicht machte er jedoch gerne eine Ausnahme.

Ein Klopfen an der in ihrem Rücken befindlichen Tür zog beider Männer Aufmerksamkeit auf sich. Wie es Vernons Art war, rief er den Besucher nicht herein, sondern huschte um den in der Zimmermitte postierten, unter einem Berg ordentlich drapierter Papiere halb verborgenen Schreibtisch herum und öffnete dem Besucher die Tür.

»Arden«, grüßte er den auf dem Flur stehenden Burschen, welchen Morton als einen der Unterwanderung zugeordneten Gehilfen erkannte. »Was gibt es, Junge?«

»Das soll ich Euch von Mr. Crook bringen, Sir«, antwortete der hagere Blondschopf und reichte O’Carth eine mit violettem Wachsstempel versiegelte Schriftrolle.

»Ah, wie passend«, lächelte Vernon. »Richte Clint meinen Dank aus.«

Der Bursche salutierte – was der Erste Vorsitzende lächerlich und bemerkenswert zugleich fand – und eilte davon. Den Blick auf das Pergament des im Dienste des Zirkels stehenden Seelenlesers geheftet, drückte O’Carth die Tür ins Schloss. Dann brach er das Siegel und überflog die in enger Schrift geführten Zeilen.

»Interessant«, wandte er sich an Morton. »Clint hat sich Callan var Lensleys Geistnebel genauer angesehen. Offenbar treibt O’Brannick sich schon seit rund acht Jahren in Mar-Dinye herum.«

»Seit acht Jahren?«, echote der Erste Vorsitzende. »Und da fällt das die ganze Zeit über nicht einem einzigen Eurer Leute auf?«

»Bedauerlicherweise nein, Sir.«

Morton stieß ein zorniges Knurren aus, ließ die Fingerknöchel knacken und den Blick durch das Zimmer schweifen. Ein Regal neben der Tür. Der Schreibtisch mit einem gepolsterten Stuhl auf der einen und drei polsterlosen auf der anderen Seite. An der Wand rechter und linker Hand der Karte mehrere schmale Schränke. Überall Pergamentrollen und Bücher. Er schnaubte leise, biss die Zähne zusammen.

Sie hätten den Dharoi’Sola schon so viel früher erledigen können, hätten die verfluchten Schwachköpfe in Mar-Dinye ihre Arbeit anständig gemacht. Statt aber einem entsprechendem Umstand geschuldeten Wutausbruch freie Entfaltung zu gewähren, bewahrte er Ruhe. Jetzt die Fassung zu verlieren, wäre nichts weiter denn verschwendete Energie. Davon abgesehen würde er sich selbst ins Fleisch schneiden, wenn er aus Frust Vernons wertvolle Schriftführung verwüstete. Noch dazu standen die Dinge momentan besser, als er nach der Entdeckung von Wiklows Verschwinden zunächst geglaubt hatte. Wenn das kleine Miststück O’Brannick nach Kjael führte – wovon auszugehen war – bekam er den Kerl schließlich auf dem Silbertablett serviert.

»Ach, was soll’s schon«, brummte er. »Redet weiter.«

O’Carth, dem das Gebaren des Ersten Vorsitzenden nicht entgangen war, atmete beruhigt auf, räusperte sich und tat wie ihm geheißen.

»Nun, Clint schreibt, dass unser Freund Nick Duncan für var Lensley den Stadtoberalchemisten Mar-Dinyes – einen gewissen Reamonn Leighs – ausspioniert und minutiös darüber Bericht erstattet hat.« Er hielt kurz inne. »Von diesem Mann hörte ich schon mal. Er soll eine Koryphäe auf seinem Gebiet sein. Na, wie dem auch sei. Zuvorderst ging es wohl darum, Leighs ein paar Geheimnisse seines Schaffens zu entlocken und sie dem Alchemistenhaus von Mar-Loxas zuzuspielen. Man wollte sich einige Kniffe aneignen, um sie später an die Meistbietenden zu verkaufen, ehe Leighs seine neuen Erkenntnisse selbst publik macht.«

»Var Lensley war schon immer ein rogensüchtiger Trottel«, grollte Morton.

»Treffende Worte. Jedenfalls … So wie es scheint, ist Duncan während seiner Tätigkeiten aufgefallen, dass dieser Leighs den Hang dazu hatte, wiederholt einem Fiagi namens Gusvig Jones und dessen Logenbruder das Leben schwer zu machen. Weiterhin hat der Stadtoberalchemist über Erstgenannten zahlreiche Nachforschungen angestellt. Wann er nach Mar-Dinye kam. Woher. Warum. Allerlei in diese Richtung, und dies ebenso erfolgreich wie vielsagend. Langer Rede, kurzer Sinn: Duncan fand heraus, dass Leighs die Vermutung hegte, Jones sei in Wahrheit O’Brannick, was letztlich Bestätigung fand. Den Rest der Geschichte kennen wir.«

»Nick Duncan.« Der Erste Vorsitzende ließ sich jeden Buchstaben des Namens auf der Zunge zergehen. »Ich wüsste ja zu gerne, wohin der verdammte Mistkerl verschwunden ist.«

»Nach den Ereignissen in Mar-Loxas wurde er gesehen, wie er vor zweien unserer Gehilfen floh. Später fand man die armen Hunde ihrer Hände beraubt durch die Straßen irren. Seither gibt es keine Spur mehr von ihm, aber wir halten weiter Ausschau.«

»Vernon, Ihr seid ein Segen für einen alten Mann«, seufzte Morton und klopfte dem Vorsteher der Unterwanderungsabteilung auf die Schulter. »Gebt Bescheid, sobald es Neuigkeiten gibt.«

»Selbstredend.« Der Erste Vorsitzende setzte an, sich zum Gehen zu wenden, als O’Carth noch nachlegte: »Sir, wollen wir etwas wegen O’Brannicks Logenbruder unternehmen? Ich könnte nach ihm suchen lassen. Vielleicht verschafft uns das einen Vorteil.«

»Nicht nötig«, lehnte Morton ab. »Ich gehe davon aus, dass der dritte Mann auf den Bildplatten sein Jagdkumpan ist. Das wäre vertane Zeit.«

»In diesem Fall könnte ich die näher mit ihnen bekannten Fiagi verhören lassen. Möglicherweise gibt es in Mar-Dinye irgendwelche engeren, uns unbekannten Verbindungen, die von Nutzen wären.«

Der Erste Vorsitzende ließ sich Vernons Vorschlag einen Moment lang durch den Kopf gehen, ehe er seine Entscheidung traf. »Konzentriert Euch darauf, den lichtgeküssten Drecksack zu erwischen. Von mir aus könnt Ihr die Vollstrecker in der Gegend dazu anhalten, genauer hinzuhören, wenn die Fiagi sich unterhalten, aber ansonsten lasst den Haufen in Frieden. Diese Männer haben mit ihrer Arbeit schon genug Scheiße am Stiefel.«

»Wird erledigt, Sir.«

Die beiden Nachtzauberer tauschten zum Abschied ein Nicken aus, und Neal Morton kehrte zum ardyschen Königspalast zurück.

Trotz dessen, dass der Dharoi’Sola ihn inzwischen gut ein Dutzend Vollstrecker, drei Kettenspezialisten, zwei Fallenzauberer und jede Menge Blut und Nerven gekostet hatte, fühlte er sich beschwingt wie schon lange nicht mehr.

Dieses Mal war der widerliche Bastard so gut wie tot, daran bestand kein Zweifel. O’Carth hatte herausragende Arbeit geleistet und in Rokhanos innerhalb eines auf O’Brannicks Flucht aus Vae-Khest gefolgten Tages das mit Abstand dichteste Überwachungsnetz auf die Beine gestellt, das dieser Kontinent je gesehen hatte. Zudem würde jeder halbwegs gescheite Bürger des Landes die Augen nach dem Lichtzauberer offen halten – das schon allein wegen der winkenden Rogen – und schlussendlich ruhte in Mortons eigenem Ärmel noch eines dieser berühmt-berüchtigten Asse.

Die Erfahrung hatte gezeigt, dass der Letzte der Sonnenfunken schon manch vermeintlich idiotensicheres Fallenkonstrukt durchschaut und unbehelligt die Flucht angetreten hatte. Dem wollte er entgegenwirken, indem er ihn ungeachtet aller Vorkehrungen sowie des Wissens um sein angesteuertes Ziel jagte. Und zwar auf eine Art und Weise, die für Morton noch Jahre zuvor bloß ein feuchter Traum gewesen wäre.